Kanalangeln in Frankreich

Es war Anfang August und nach einem mehr als erfolgreichen Frühling am Fluss sollte es für mich eine Woche nach Frankreich gehen. Bis wenige Tage vorher war jedoch noch nicht einmal klar, wo mich meine Reise hinführt, nur eines stand fest, es geht an einen der zahlreichen kleinen Kanäle Frankreichs.

Einen Tag vor der Abreise und mein dringend erwartetes Paket war immer noch verschollenen, wurde es doch schon vor vier Tagen zugestellt, nur nicht an mich. Zum Glück konnte mir mein guter Freund Daniel aushelfen und ich lieh mir noch das ein oder andere aus, vielen Dank dafür! Der Plan war nun klar, morgens um 7 den Mietwagen abholen, zuhause alles beladen und ab Richtung Süden. Gesagt getan und um 16 Uhr stand ich an einem kleinen Kanal mitten in Frankreich.

Nun hieß es Fische finden, schnell schwang ich mich auf mein Fahrrad, mit der Polbrille bewaffnet ging es los. Schon nach wenigen hundert Metern sah ich die ersten Karpfen zwischen dem Kraut ihre Bahnen ziehen. Sollte es so gut beginnen?
Insgesamt fuhr ich 5 km des Kanals ab und entschied mich am Ende für eine Stelle ca. 150m oberhalb einer Schleuse. Fahrrad verstauen, Angelplatz anfahren und den Trolley beladen. Dort angekommen war es bestimmt schon 20 Uhr und bei Anbruch der Dunkelheit lagen dann endlich auch die Ruten. Zwei zu den Seiten in kleinen Krautlöchern und eine am gegenüberliegenden Ufer, drei  Ruten  schienen mir bei der geringen Größe des Kanals ausreichend. Hoffnungsvoll ging es nach einem guten Essen und dem wohlverdienten Bier auf meine Liege. Um halb 1 meldete sich der Carpsounder meiner rechten Rute, jedoch war es nur das Gepiepse welches ich von Weißfischen nur zu gut kannte. Mit der Rute in der Hand bestätigte sich meine Befürchtung, keine großen Fluchten und nur etwas Kopfgeschüttel. Doch als der Fisch in den Kegel meiner Kopflampe kam wurde mir klar, es ist kein Döbel an meiner Angel. Es folgten einige kurzen heftigen Fluchten und nach etwas Chaos mit einer der anderen Ruten, befand sich ein stattlicher Graskarpfen in meinem Kescher. Mit ca. 20kg gar kein so schlechter Anfang meiner Reise, auch wenn es nicht der „richtige“ Karpfen war. Nach ein paar schnellen Nachtfotos wurde die Rute neu gelegt und  ich wieder ab auf die Liege.

Um kurz nach 6 wurde ich erneut geweckt, diesmal kein Gepiepse sondern ein kraftvoller Run bei dem die Rute beinahe vom Bankstick gerissen wurde. Auch im Drill gab der Fisch direkt richtig Gas und zog etliche Meter Schnur von der Rolle. Nach einigen Minuten gelang es mir jedoch den Kescher unter den Karpfen zu schieben. Und was für ein Karpfen es war, brauner Rücken, breites Kreuz und nicht eine Macke! Genau wegen solchen wilden Fischen war ich hier, schnell wurde er abgelichtet und ich machte mir mit breitem Grinsen einen Kaffee. Mein Start hätte kaum besser laufen können und wenn es am ersten Spot schon so beginnt, was hat dieser Kanal dann noch zu bieten?

Nach dem Frühstück packte ich alles zusammen und um 11Uhr saß ich wieder auf meinem Rad, diesmal mit einer Rute zum Stalking. Der Plan war einfach, Fische finden! Mit etwas Glück einen fangen und vor allem weitere erfolgversprechende Stellen für die kommenden Nächte suchen. Die ersten Karpfen waren schnell gefunden, jedoch blieb ich erfolglos. Insgesamt fuhr ich weitere 9km Kanal ab, sah einige interessante Stellen und schwitzte!
Wie angekündigt kam jetzt die europaweite Hitzewelle, von nun an blühten mir jeden Tag über 30 Grad. Nicht gerade die fängigsten Bedingungen und vor allem lag die zugängliche Kanalseite den ganzen Tag über in der Sonne, das kann ja was werden. Trotz einiger Pausen im Schatten war ich um 17 Uhr so richtig erledigt, die Kopfschmerzen begannen und jede Bewegung wurde anstrengend. Ich fütterte auf meinem ersten Platz noch großflächig ein Kilo Nautika Boilies und Tigernüsse, um am nächsten Abend zurückkehren zu können. Für die zweite Nacht entschied ich mich für einen Platz auf freier Strecke, mittags konnte ich dort einige Fische beobachten und war zuversichtlich, dass auch die zweite Nacht erfolgreich sein würde. Die Ruten wurden wieder am eigenen und gegenüberliegenden Ufer auf krautfreien Stellen abgelegt, Tigernüsse und Authentic Fish Boilies dienten als Hakenköder.
Beim ersten Kaffee lief ich einige Meter rechts und links den Kanal entlang und tatsächlich fand ich fressende Karpfen. Warum hatte ich keine Fische auf meinen Plätzen, wo die Fische doch genau dort gestern fraßen? Es half nicht, sich den Kopf zu zerbrechen, schnell packte ich zusammen und moovte. Nach einem weiteren Kaffee und einem kleinen Frühstück checkte ich vorsichtig meine neuen Spots und tatsächlich, auf zwei meiner Plätze konnte ich Fische beim Fressen beobachten. Jetzt muss aber einer ablaufen dachte ich mir, doch erstmal passierte gar nichts. Ich begann schon an meinen Präsentationen zu zweifeln da meldete sich der Carpsounder, wieder stürmte der Fisch davon. Noch während des Drills erkannte ich einen Spiegler, doch erst auf der Matte wurde mir klar, was ich gerade gefangen hatte. Wild mit Schuppen übersät, war es garantiert einer der bestaussehenden Fische des Kanals. Ein freundlicher Franzose machte schnell einige Bilder und ich entließ den Fisch wieder in sein Element.

Nach einer kurzen Verabschiedung zog ich mich glücklich wieder in meinen schwindenden Schatten zurück, um 12 war dieser jedoch gänzlich weg und ich packte zusammen. Nachmittags stand Einkaufen und ein erfrischendes Bad in einem nahe gelegenen See auf dem Programm. Dort angekommen staunte ich nicht schlecht, vor mir lag die schier endlose Wasserfläche des bekannten Lac du Der-Chantecoq.

Nach einer Abkühlung und einem Snack ging es Abends wieder an die Stelle der ersten Nacht zurück. Mit wenig Gepäck war ich schnell an meinem Platz angekommen, viel mehr als meine Liege, ein Moskitonetz und die Ruten brauchte es nicht. Wie auch die letzten Nächte schlief ich unter freiem Himmel, so ist man mobil und bekommt auch hoffentlich etwas kühlen Nachtwind ab.
Die Ruten lagen, das Essen war gekocht und endlich ließen auch meine Kopfschmerzen nach. Anscheinend hatte ich am ersten Tag auf dem Rad doch etwas übertrieben und mir einen ordentlichen Sonnenstich eingefangen.
Bereits um halb 12 wurde ich von einem extremen Biss geweckt, auch nach dem Aufnehmen der Rute war der Fisch nicht zu stoppen. Mit dem Kescher über die Schulter geworfen, nahm ich die Verfolgung auf. Schnell wich mein Traum von einem richtig dicken Karpfen der Erkenntnis, dass hier etwas ganz anderes an der Angel hängt. Nach 200 Metern bekam ich dann den Fisch zum ersten mal zu Gesicht, ein stattlicher Wels hatte sich die zwei Tigernüsse schmecken lassen. Nach ein paar Minuten hatte ich den Fisch endlich ausgedrillt. Keine Lust ihn das Ufer entlang zu tragen, löste ich noch im Wasser den Haken und mit einem energischen Schwanzschlag verabschiedete sich der Wels ins Dunkel des Kanals. Zurück am Platz, befreite ich meine Schnur vom Schleim und mit neuem Rig bestückt legte ich sie wieder im Krautloch ab. Leider blieb dies die einzige Aktion der Nacht. Am nächsten Morgen ging es früh an einen anderen Abschnitt um die Fische zu suchen, ich beangelte zwei verschiedene Stellen, jedoch ohne Erfolg. Das heiße Wetter der vergangenen Tage schien den Fischen auf den Magen zu schlagen. Und bei 38 Grad machte ich mir ernsthaft Gedanken, wie sinnvoll es war, die nächsten Tage noch am Kanal zu verbringen.

Ich fasste schon den Entschluss meinen Trip zu verkürzen und bereits einen Tag früher einzupacken als ursprünglich geplant. Eine Nacht wollte ich jedoch noch den Kanal befischen und dann musste für die letzten zwei ein neues Gewässer her, nur wohin??
Erstmal entschloss ich mich an den nahegelegenen Fluss zu fahren und mich abzukühlen. Als ich einem Freund erzählte wo ich schwimmen war, erhielt ich nur die Nachricht „geh da Fischen, da gibt’s Dicke!“. Also war der Entschluss gefasst, am nächsten Tag sollte es an besagten Fluss gehen!
In der letzten Nacht am Kanal gelang es mir noch zwei kleine Schuppenkarpfen zu fangen. Wahrscheinlich hätten auch die nächsten zwei Nächte noch Fische gebracht, aber die Neugier auf ein neues Gewässer und das Verlangen nach einem schattigem Angelplatz waren zu groß. Auf Google Maps hatte ich mir schon mehrere Plätze markiert, die ersten drei waren jedoch nicht befischbar. Auf dem Weg zu Stelle Nummer vier fuhr ich parallel zu einem Kanal, überhängende Bäume, Totholz und glasklares Wasser, alles sehr carpy. Als ich an einem großen Becken oberhalb einer Schleuse ankam, entschied ich mich anzuhalten und mich genauer umzuschauen. Das Kraut stand bis unter die Oberfläche und ich wusste, wenn ich Fische finden könnte, dann hier! Nach wenigen Metern stockte mir der Atem, direkt am Ufer dick im Kraut erkannte ich einen breiten, grauen Rücken eines Spiegelkarpfens. Ein Fisch um die 20kg, da war ich mir sicher. Mit Baguette und einer Rute bewaffnet versuchte ich mein Glück, ich schlich mich bis auf wenige Meter neben den Fisch. Ein  vorsichtiger Wurf und die Brotflocke landete genau vor seinem Mund. Mit zitternden Händen harrte ich aus, nach gefühlt einer Ewigkeit zog der Fisch unbeeindruckt von meinem Köder weiter. Ich versuchte dasselbe noch mit weiteren Fischen, die ich im Kraut entdeckte, jedoch immer mit der selben Reaktion.

Es war klar, dass ich nicht an irgendeinem Fluss meine Nacht verbringen würde, sondern genau hier. Ich wollte unbedingt diesen Karpfen fangen. Um die größtmöglichen Chancen zu haben, entschied ich mich abends mit Taucherbrille und Schnorchel nach Spots zu suchen. Was sich als schwerer herausstellte als gedacht. Selbst in der Fahrrinne war auf den ersten Blick alles verkrautet. Einzig zwei sehr kleine kiesige Stellen konnte ich finden. Sicher,  dass diese von Fischen sauber gefressen wurden, platzierte ich dort zwei meiner Ruten.
Die dritte Rute legte ich mit einem Chod Rig in die Fahrrinne, so sollte ich auch trotz Kraut einen kleinen Pop Up präsentieren können. Voller Spannung ging es spät abends auf meine Liege, doch morgens kam die Ernüchterung: keine der Ruten brachte eine Aktion. Als ich vormittags noch eine Brasse einkurbelte, die sich nicht bemerkbar gemacht hatte, hinterfragte ich meine Entscheidung hier zu fischen. Hatte ich doch mit Angeln im Kraut kaum Erfahrung.Ich war mir unsicher ob es mir möglich war, hier einen Fisch zu überlisten. Also kam wieder das Fahrrad zum Einsatz und ich fuhr den Kanal entlang. Nichts war zu sehen, aber dennoch entschloss ich mich auf der freien Strecke zu fischen. Jedoch begannen spät abends schon die ersten Zweifel: War es wirklich richtig von den Fischen weg zu ziehen??
Um 12 wurde ich von einem Döbel geweckt, schloss bereits mit dem Angeln ab und freute mich auf die erste Dusche zu Hause. Ein paar schöne Fische hatte ich ja gefangen und das trotz des heißen Wetters.
Wie erwartet hatte ich bis zum nächsten Morgen keine weitere Aktion, schnell war das Auto gepackt und es konnte los gehen. Nur noch mal kurz wollte ich an dem Platz der letzten Nacht vorbei schauen. Kaum angekommen, wusste ich dass es die falsche Entscheidung war zu moven. Als ich dann entdeckte, dass ein von mir gefütterter Spot leer gefressen war, wurde mir klar, ich konnte noch nicht fahren! Schnell rief ich meine Freundin an und erhielt auch von ihr das Okay, doch wie ursprünglich geplant die siebte Nacht zu bleiben.
Nachmittags ließen sich auch die Fische wieder im Kraut blicken und ich konnte die Nacht kaum erwarten. Diesmal teilte ich meine Ruten auf: die erste Rute bestückt mit zwei Tigernüssen und einem halben Nautik Up kam auf einen der mini Kies Spots. Die zweite mit Chod Rig und washed out Nautik Up in die Fahrrinne, wobei ich aber versuchte eine möglichst krautarme Stelle zu finden. Und die letzte Rute direkt ans Ufer, wo ich die letzten Tage die Fische beobachten konnte, bestückt mit einen kleinen Schneemann aus einem 15mm Creamplex Boilie und 12mm Pop up. Bereits abends hatte ich einige Schnurschwimmer an meiner Rute in der Fahrrinne, so ging es voller Erwartung auf die Liege. Mehrmals wurde wach und jedes mal mit dem Gedanken, „scheiße immer noch keine Aktion“. Sollte sich die letzte Nacht doch nicht gelohnt haben?
Um halb 7 ertönte endlich mein Carpsounder und wenige Sekunden später stand ich barfuß mit gekrümmter Rute am Wasser. Unbehelligt von der Bremse nahm der Fisch Schnur und ich hoffte, dass er sich nicht im Kraut „vergraben“würde. Langsam war es mir möglich Meter für Meter gut zu machen, dann erblickte ich einen kleinen Schuppenkarpfen an der Oberfläche. Nach einer weiteren Flucht, hatte ich den Fisch vor meinem Kescher, der zweite Versuch saß und voller Erleichterung fing ich an zu jubeln. Beim Blick in das Netz staunte ich nicht schlecht, so klein war der Fisch doch nicht!

Immer noch völlig aufgedreht bereitete ich alles vor. Matte, Waage, Stativ lagen bereit und ich hob den Fisch aus dem Wasser. Vor mir lag nun der schwer verdiente Preis, ein praller Schuppenkarpfen und ganz bestimmt einer der besseren Fische des Kanals. Nach ein paar Schnappschüssen entließ ich ihn wieder zurück in sein Element. Noch ein gemütlicher Kaffee und dann hieß es einpacken und den Heimweg antreten. Zufrieden, noch einen Karpfen gefangen zu haben, fuhr ich vormittags los Richtung Deutschland. Eine Woche mit Höhen und Tiefen lag hinter mir. Am Ende konnte ich mich über sechs Fische nicht beschweren.
Definitiv war dies nicht mein letzter Ausflug an französische Kanäle, jetzt stand jedoch erstmal der Herbst am Fluss vor der Tür.

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